Zimmerwalder Konferenz und der Große Krieg

Zimmerwalder Konferenz und der Große Krieg

Zimmerwalder Konferenz und der Große Krieg: Gut ein Jahr schon tobte der Große Krieg mit gewaltigen Schlachten und noch gewaltigeren Verlusten, als Anfang September 1915 die kleine Schweizer Ortschaft Zimmerwald fernab der Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges für einiges Aufsehen sorgte. Das beschauliche Zimmerwald nahe Bern wurde zum Austragungsort einer internationalen Konferenz, die nach Friedensschluss strebte. Aber nicht Regierungsvertreter, Diplomaten und Militärs waren hier zugegen. Eingefunden hatten sich führende Vertreter der Sozialdemokratie, die trotz anhaltendem Kriegsgeschrei auch in den eigenen Reihen Kurs auf Ausstieg aus dem Krieg nehmen wollten. Mehr dazu erfahren Sie hier.

Weg vom Burgfrieden – die Zimmerwalder Konferenz und der Große Krieg

Mochte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges auch für viele überraschend gekommen sein, Vorboten dieses Unheils gab es wahrlich zur Genüge. Gerade bei den Sozialdemokraten sorgte die aufziehende Kriegsgefahr frühzeitig für wachsendes Unbehagen und motivierte, über Landesgrenzen hinweg nach Verständigung und Wegen zu suchen, um der in Fahrt gekommenen Kriegstreiberei Einhalt zu gebieten. Aber all das hierbei Erreichte verkam binnen Kurzem zu Makulatur, da sich das Gros in den Führungsspitzen der Sozialdemokratie gleich nach Ausbruch des Krieges dem nationalistischen Taumel hingab, auf den Zug patriotischen Großtuns aufsprang und mit den Mächtigen ihrer Länder einen Burgfrieden einging. Man setzte halt alles auf Sieg, doch der blieb aus. Gas-, Luft- und U-Boot-Krieg sowie die Eröffnung neuer Fronten änderten daran kaum etwas, außer das sie noch mehr nationale Ressourcen verschlangen und die Opferzahlen weiter in die Höhe trieben. Ein Teufelskreis hatte sich aufgetan, der nicht nur die Kriegsparteien in Richtung Niedergang driften ließ. Was die offizielle Politik und Diplomatie bis dahin vollbracht hatten, bot alles Mögliche, nur keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Aber wer sollte und konnte dann ein Machtwort für den Frieden sprechen und Alternativen aufzeigen?

„Wir hoffen, daß die grausame Schule der Kriegsleiden in neuen Millionen den Abscheu vor dem Krieg wecken und sie für das Ideal des Sozialismus und des Völkerfriedens gewinnen wird“, so Hugo Haase am 4. August 1914 im Reichstag in der Begründungsrede zur Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD.

Das Streben nach Frieden – ein Schwimmen gegen den Strom?

Überhaupt namhafte Friedensaktivisten innerhalb der Sozialdemokratie an einen Tisch zu bekommen, erwies sich schon als ziemliche Hürde. Anläufe dazu gab es einige, aber erst dem Schweizer Sozialdemokraten Robert Grimm gelang mit seinen Anstrengungen hier ein echter Durchbruch. Auch wenn die Zahl derer, die in Zimmerwald erschien, nur 38 betrug, so waren doch etliche prominente Sozialdemokraten darunter vor allem aus Russland. Allerdings fehlten aus dem Lager der europäischen Kriegsteilnehmer Vertreter Österreich-Ungarns und Großbritanniens.

Zimmerwalder Konferenz und der Große Krieg

Buchcover – Zimmerwald und Kiental. Weltgeschichte auf dem Dorfe

Die Zimmerwalder Konferenz und der Große Krieg – Buchvorstellung

Der im Verbindung mit dem 100. Jahrestag der Zimmerwalder Konferenz beim Chronos-Verlag in Zürich erschienene Sammelband „Zimmerwald und Kiental. Weltgeschichte auf dem Dorfe“ (ISBN 978-3-0340-1298-0), herausgegeben von Bernard Degen und Julia Richers, lässt das damalige Geschehen noch einmal Revue passieren. Aber nicht nur die Konferenz selbst ist Gegenstand der Betrachtungen. Wissenswertes vermittelt wird auf 14 Kapitel verteilt auch über

  • die Zweite Internationale und ihre Haltung zum Krieg,
  • osteuropäische Revolutionärinnen und Revolutionäre im Schweizer Exil,
  • Bern als Zentrum von Geheimdiplomatie, Spionage und Konferenzen,
  • und das, was nach der Zimmerwalder Konferenz folgte und der von ihr initiierten Antikriegsbewegung widerfuhr.

Kurzbiografien über Teilnehmer der Konferenz und Protagonisten des Friedenskampfes in den Reihen der Sozialdemokratie sowie ein Dokumentenanhang runden das facettenreiche Bild der interessanten Lektüre ab.

Die Zimmerwalder Konferenz und der Große Krieg – Erinnerungskultur mit Höhen und Tiefen

In der Erinnerungskultur trennen die Zimmerwalder Konferenz und der Große Krieg Welten, obwohl rückschauend das eine nicht unerheblich mit zum Ende des anderen beigetragen hatte. Schon nach dem Ausbruch der Februarrevolution in Russland verlagerte sich Aufmerksamkeit weg von der Schweiz gen Osten, da es nicht wenige Aktivposten in der Zimmerwalder Bewegung nun in Richtung Heimat zog. Bezeichnend dafür war die Fahrt des so genannten Leninzugs von der Schweiz aus über Deutschland, Schweden und Finnland nach Petrograd im April 1917. Die Frage, wie sich der Große Krieg endlich beenden ließ, war nun mit zum revolutionären Tagesgeschäft geworden, das selbst gewichtige Akzenten in dieser Richtung setzte. Das von Russland aus um sich greifende revolutionäre Geschehen übte zweifellos eine bahnbrechende Funktion bei der Hinwendung zum Friedensschluss aus. Der Friede, der dann letztlich geschlossen werden konnte, war jedoch weit davon entfernt, einer ohne Annexionen und Kontributionen zu sein. Erst recht für Ernüchterung und Bestürzung sorgte das Stalin-Regime, das mit seinen geistigen Anleihen beim zaristischen Russentum und Großmachtchauvinismus die Zimmerwalder Konferenz mehr zu einer Fußnote stempelte und obendrein Zimmerwalder Aktivisten verfolgte und ermordete, darunter den Schweizer Fritz Platten. Nach Stalins Ableben änderte sich diese Wahrnehmung grundlegend. Zimmerwald erlebte als einstige Wirkungsstätte Lenins und seiner Kampfgefährten in der offiziellen sowjetischen Erinnerungskultur einen echten Boom mit Kultstättenzuschnitt.

Von offizieller Seite hielt man sich in der Schweiz zum Thema Zimmerwalder Konferenz und der Große Krieg dagegen eher bedeckt. Anfangs, weil die hier versammelten Friedensaktivisten eben nicht mit Regierungsauftrag berieten und gerade bei den Obersten der kriegführenden Mächte mit ihrem Tun weithin als suspekt und subversiv galten. Später dann sorgte der Kalte Krieg dafür, dass das Verhältnis weitgehend unterkühlt blieb.

Die Zimmerwalder Konferenz und der Große Krieg – nur noch Geschichte?

Der Große Krieg hatte wahrlich bittere Lektionen en masse verabreicht. Aber welche Lehren wurden daraus bei der Sozialdemokratie nach dem Kriegsende gezogen und vor allem was geschah damit im Laufe der Zeit? Im August 1914 war die SPD bei allem Für und Wider mit in den Strudel der kriegerischen Ereignisse gerissen worden. An neuen Gedankengängen mangelte es danach nicht, doch wo führten sie hin? Nach dem Ende des Kalten Krieges stellte ein SPD-geführtes Kabinett die Weichen, um Deutschland nach langer Zeit wieder in kriegerische Auseinandersetzungen verstricken; im Rahmen von „Friedensmissionen“ versteht sich. 1914 hätte es wohl reichlich absurd geklungen, von ausgemachten Kriegsgewinnlern in den Reihen der Sozialdemokratie zu sprechen. Wie steht es aber heutzutage damit? Eine gewisse Kontinuität in dieser Hinsicht weist allerdings die Sozialistische Internationale (SI) auf. Sie hatte sich damals schwer getan und tut es noch heute. Vermag sie eigentlich nicht mehr zu bieten als ihr derzeitiges Plaudertaschen-Dasein?

 

Bilder:

Beitragsbild: Bild von Zimmerwald mit dem „Hôtel Beau-Séjour“ (1864)

Grafik CC von: wikimedia, Autor unbekannt, Gemeindearchiv Zimmerwald

Bild vom Buchcover

 

Dr. Klaus Jaschinski, Berlin, den 29. September 2016

 

weiterführende Links:

Beitrag über die Sansibar Prinzessin und deutschen Kolonialismus | Buch beim Chronos-Verlag | Profil des Autors bei Google Plus

Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern - Vierbund auf zeitgenössischer Postkarte

Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern

Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern: Seit Bekanntwerden der ungeheuerlichen Verbrechen an der armenischen Minderheit im Osmanischen Reich während des ersten Weltkrieges mangelt es nicht an Darstellungen von politischen und militärischen Vorgängen, die eine aktive deutsche Beteiligung, wenn nicht gar Federführung, am Genozid an den Armeniern in jener Zeit belegen sollen. Ein exemplarisches Beispiel hierfür liefert die Wolffskeel-Legende. Mittels fragwürdiger und auf Sensationshascherei gerichteter Auslegungen von diplomatischen Texten und Briefen gestrickt geistert sie durch Spalten von Zeitungen und Buchseiten, Mal um Mal mit „Ausschmückungen“ bereichert. Mehr darüber erfahren Sie hier.

Die Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern – Worum geht es?

Die Entsendung deutscher Militärberater ins Osmanische Reich war an sich nichts Ungewöhnliches. Für eine neue Qualität sorgte erst die Schlappe des osmanischen Heeres in den Balkankriegen. Am 22. Mai 1913 kam das offizielle Ersuchen aus Istanbul um Entsendung eines deutschen Generals zwecks Reorganisation der Streitkräfte, das den Startschuss zu einer neuen Militärmission gab, deren Leitung im Monat darauf General Liman von Sanders übertragen wurde.

Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern

General Otto Liman von Sanders

Den ursprünglich rund 40 vorgesehenen Instruktionsoffizieren folgten sehr schnell mehr, vor allem nachdem am 2. August 1914 abgeschlossenen geheimen Allianzvertrag und dem gut drei Monate später folgenden Kriegseintritt des Osmanischen Reiches auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg. Bis Anfang 1916 sollen sich zirka 200 Offiziere im Dienst dieser Militärmission befunden haben, die rasch zu einer großen deutschen Etappenbehörde auf osmanischem Staatsgebiet aufstieg, zu der sich dazu noch detachierte Truppenteile mit Offizieren und Mannschaften für den Fronteinsatz gesellten. Schätzungen zufolge hätten zwischen 18000 bis 25000 Deutsche im Osmanischen Reich bis Kriegsende Militärdienst geleistet.
Einer von ihnen war Major Eberhard Graf Wolffskeel zu Reichenberg und Uettingen (17. August 1875 – 26. Dezember 1954), der als Adjutant des osmanischen Generals Fakhri fungierte und mit in den Sog der vom Jungtürken-Regime in Istanbul losgetretenen Armenierverfolgung geriet, die mit dem am 27. Mai 1915 beschlossene Tehcir-Gesetz (Gesetz bezüglich der Maßnahmen des Militärs bei Widersachern gegen die Regierungsgewalt in Kriegszeiten) voll in Gang kam und zum Massenmord ausuferte.

Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern

Das berüchtigte Tehcir-Gesetz

Die Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern – Aktenlage und Dichtkunst

Wie kam beides nun zusammen – Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern? Diversen Darstellungen zufolge hätte besagter Major Wolffskeel diesem Drama nicht nur beigewohnt. Aktiv mitgewirkt haben soll er an den verübten Gräueltaten, die vor allem auf das Konto des damaligen Innenministers Talaat, der von ihm dirigierten Gendarmerie und eines eigens dazu aufgehetzten Mobs gingen. In seinem Beitrag „Die Wolffskeel-Legende, der Genozid an den Armeniern, Wahrheit gegen Unwahrheit“ geht Professor Dr. Heinz Odermann dem nach und analysiert die gegen Major Wolffskeel und andere deutsche Offiziere diesbezüglich vorgebrachten Vorwürfe, die eine aktive deutsche Mittäterschaft vor Ort belegen sollen.
Wolfgang Gust in seinem Buch „Der Völkermord an den Armeniern“ (Springe 2005) und einige andere Autoren bezichtigen Major Wolffskeel unter anderem

  • das armenische Viertel in der Stadt Urfa (nahe der heutigen Grenze zu Syrien) „mit seiner Artillerie zusammengeschossen“ und
  • den armenischen Widerstand im Kloster Zeitun und auf dem Musa Dagh (dem Mosesberg) „mit seiner Artillerie“ gebrochen zu haben.

Prof. Odermanns Recherchen lassen daran aber erhebliche Zweifel aufkommen. Weder die Aktenlage noch Berichte von Zeitzeugen, unter anderem von Dr. Jakob Künzler, der als Schweizer Diakon und Arzt das christliche Missionshospital in Urfa von 1899 bis 1922 leitete, liefern hinreichend Anhaltspunkte für derartige Folgerungen. Aber offensichtlich wurde das, was die Aktenlage eben nicht hergibt, mit reichlich „Dichtkunst“ aufgefüllt, um hier gleichsam exemplarisch via Legende einen Deutschen mit Blut an den Händen zu präsentieren.

 

 

Die Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern – neue Haupttäter?

In den Genuss solcher Kunstgriffe kamen freilich noch weitere deutsche Offiziere, die hier auf „soldatischen Abwegen“ gewandelt wären und gar Schlimmes zu verantworten hätten:

  • Oberstleutnant Böttrich, ab 1915 für das osmanische Heeres-Eisenbahnwesen zuständig, hätte „Deportationsbefehle“ unterzeichnet und damit Todesurteile für die armenischen Angestellten der Bagdadbahn verhängt.
  • Feldmarschall Otto Liman von Sanders (17. Februar 1855 – 29. August 1919) soll als Chef der deutschen Militärmission im Osmanischen Reich und als Befehlshaber der Verteidigungslinie Gallipoli-Adrianopel-Smyrna die Vertreibung und Ermordung von Armeniern sogar befohlen haben.
  • Feldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz (12. August 1843 – 19. April 1916), der im Oktober 1915 zum Befehlshaber der 6. Armee in Mesopotamien aufrückte und im Ruf stand, „Vater des türkischen Heeres“ zu sein, hätte überhaupt gar die Deportation der Armenier angeregt.

Verfahren wurde hier offenkundig nach altbewährtem Klischee, von dem schon Plutarch aus antiken Zeiten zu berichten wusste: „Semper aliquid haeret.“ (zu deutsch: „Es bleibt immer etwas hängen.“). Für manche Autoren und Politiker ist das heutzutage ein wahrer Tummelplatz; gleichsam von Leichenbergen herab den eigenen Profilierungsgelüsten zu frönen und nach außen hin den „Gutmenschen“ geben – egal, ob die aufgestellten Behauptungen nun im Einzelnen stimmen oder nicht. Sollen andere doch das Gegenteil beweisen.

Die Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern – Verbrechen und Interessenlagen

Als Verbündeter war das Osmanische Reich für die Strategen in Berlin gewiss nicht erste Wahl gewesen. So nahmen sie halt, was sie bekommen konnte, vor allem nachdem der modifizierte Schlieffenplan als gescheitert angesehen werden musste. Die Eröffnung neuer Fronten und die zunehmende Brutalisierung der Kriegsführung mittels Luft-, U-Boot- und Gaskrieg brachten den erhofften schnellen Sieg jedoch kein Stück näher. Im Gegenteil.
Für welchen Krieg das Osmanische Reich auch gerüstet gewesen sein mochte, für einen gegen Großbritannien und Rußland mitnichten. Abgesehen von den reichlich überzogenen imperialen Gelüsten beim Jungtürken-Regime in Istanbul gab es da noch den Dschihad, mit dem man in Berlin glaubte, kriegswirksam punkten zu können und der dann auch am 19. November 1914 mit reichlich Pomp zelebriert wurde.

Die Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern – eine Kehrseite des Dschihads?

Den Mangel an Ausrüstung und Ausbildung mit gesteigertem Fanatismus wettmachen zu können, mochte verlockend erschienen sein. Allerdings hatte man in Berlin im Vorfeld des Krieges über Geheimdienstkanäle bereits eruiert, dass ein derart geschürter Fanatismus auch gegen ethnische und religiöse Minderheiten im Osmanische Reich gekehrt werden könnte. Die deutschen Kriegsplaner nahmen es schlicht in Kauf, erst recht, nachdem ihr anfängliches Kalkül in Rauch aufgegangen war und ein Ausscheiden des Osmanischen Reiches einen verhängnisvollen Dominoeffekt befürchten ließ. Angesichts dessen war man im Auswärtigen Amt in Berlin und bei der Obersten Heeresleitung mehr darauf fixiert, das Jungtürken-Regime bei der Stange zu halten anstatt es mit einem entschiedenen Machtwort womöglich zu verprellen. Folglich hielt man mehr auf Abstand zum Geschehen, bei dem es sich nach damaliger offizieller Lesart ohnehin um Feindeinwirkung gehandelt hätte; um mit britischem und russischem Dazutun entfachten lokalen Armenier-Aufruhr.
Den deutschen Kommandeuren vor Ort waren dadurch allerdings mitnichten die Hände gebunden.
Ein Wegsehen oder gar Mitmachen auf Gedeih und Verderb war keineswegs vorgegeben. Auch wenn einige es getan haben mochten, andere taten es nicht, wie Professor Odermann in seinem Beitrag darlegt.

 

Berlin, den 31. Oktober 2015

Klaus Jaschinski

Bilder:
Beitragsbild: Postkarte aus der Zeit des ersten Weltkrieges (Vereinte Kräfte führen zum Ziel)
Grafik CC von: wikimedia, Autor: Publ. Photochemie Berlin No. 3603
Bild: General Otto Liman von Sanders
Grafik CC von: wikimedia, Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-R02991 / Unknown / CC-BY-SA 3.0
Bild: Tehcir Gesetz
Grafik CC von: wikimedia, Quelle: Image:Ottoman-Tehcir_Law.jpg

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Haldane Mission in Berlin

Haldane Mission in Berlin

Haldane Mission in Berlin: Am 8. Februar 1912 traf der britische Kriegsminister Lord Richard Burdon Haldane in Berlin ein. Seine Visite und der damit verfolgte Zweck waren vorab nicht gerade an die große Glocke gehängt worden. Warum? Immerhin ging um ein bilaterales Flottenabkommen zur Begrenzung der Flottenrüstung vor 1914. Was es damit auf sich hatte und ob sich so eine Chance zur Kriegsverhinderung ergeben hätte, lesen Sie hier:

Haldane Mission in Berlin

Lord Richard Burdon Haldane

Haldane Mission in Berlin

eine erfolglose Friedensmission?

Nicht selten kommen Vorboten des ersten Weltkrieges in Teilen der dieses Thema behandelnden Literatur kaum über die Bedeutung von Fußnoten hinaus. Aber sind es nicht eben diese Vorboten wie in Gestalt der Haldane Mission in Berlin, die den Blick auf die Ursachen des Krieges zu schärfen vermögen? Steuerten beziehungsweise „taumelten“ die Mächte damals wirklich „folgerichtig“ in den Abgrund oder gab es da nicht doch Gelegenheiten, die zum Innehalten und zur Umkehr bewegen konnten?

Der Beitrag von Prof. Dr. Heinz Odermann über die Haldane Mission in Berlin 1912 geht dem nach und beleuchtet das Umfeld, den Verlauf und die Verstrickungen der hier geführten und am Ende doch gescheiterten Verhandlungen. Aufgezeigt werden unter anderem

  • die Ausgangslage zu Beginn der Verhandlungen,
  • die Haltung der beteiligten Protagonisten, ihre Motivation und Verhandlungsführung
  • sowie die Widerstände, die einer einvernehmlichen Lösung entgegenwirkten.

Video zur Haldane Mission in Berlin

Haldane Mission in Berlin versus deutsche „Weltpolitik“

Als neuer Staatssekretär des Auswärtigen Amtes hatte Bernhard von Bülow im Dezember 1897 ganz im Sinne Kaiser Wilhelm II Deutschlands „Platz an der Sonne“ beschworen und damit gleichsam die deutsche „Weltpolitik“ vollmundig an den Start gebracht. Anfangs mochte man dieses Gerede in London vielleicht noch belächelt haben. 15 Jahre später war es damit vorbei. Mittelbar und unmittelbar hatte sich inzwischen einiges getan im bilateralen Verhältnis, das von britischer Seite als ernste Herausforderung wahrgenommen wurde, der man partout entgegen wirken wollte. Konfliktträchtig waren vor allem zwei Bereiche; die koloniale Frage und die Flottenrüstung. Speziell der Burenkrieg und die Marokko-Krise hatten sowohl in London als auch in Berlin nationalistische Eiferer auf den Plan gerufen, die mit Feindbildkreationen nicht hinterm Berg hielten und das Klima in den bilateralen Beziehungen zu beeinträchtigten suchten. Ein Übriges tat die Flottenrüstung. Denn wie hätten sich hochgesteckte koloniale Ziele in Übersee verfolgen lassen ohne schlagkräftige Flotte in Hinterhand? In London war man sich dessen freilich schon lange bewusst und registrierte mit wachsendem Unbehagen, dass man in Berlin dem britischen Vorbild ungestüm nachzueifern begann.

„Unsere [Deutschlands] Zukunft liegt auf dem Wasser.“ (Ausspruch von Kaiser Wilhelm II bei der Eröffnung des Freihafens Stettin am 23. September 1898)

Haldane Mission in Berlin

HMS Dreadnought 1906

Die Dreadnoughts und die Haldane Mission in Berlin

In der Tat hatte sich das deutsche Kaiserreich nach seiner Gründung 1871 eine beeindruckende Flotte zugelegt. Wäre diese aber imstande gewesen, mit der mächtigen Royal Navy gleichzuziehen oder sie gar zu übertrumpfen? Wohl kaum, wenn man das damalige Kräfteverhältnis in absoluten Zahlen zu Grunde legt. Allerdings relativiert sich die erdrückende britische Überlegenheit auf See, wenn qualitative Aspekte und Neuerungen mit ins Feld geführt werden. Seinerzeit bezeichnend dafür waren die Dreadnoughts – eine neue Generation schwerer Überwasserkampfschiffe, mit denen zuerst die Royal Navy aufwartete, um ihre Überlegenheit auf den Weltmeeren zu festigen. Doch der damit erhoffte Vorteil schmolz rasch dahin. Offenbar schneller als erwartet zogen die deutschen Marinewerften bei der Entwicklung und Produktion derartiger Überwasserkampfschiffe nach. 1914 standen 24 britischen Dreadnoughts bereits 14 deutsche Dreadnoughts (plus 3 ab November 1914) gegenüber, während die Royal Navy bei anderen Schiffen über eine 2,5-fache Überlegenheit verfügte.

Gute Gründe und Illusionen bei der Haldane Mission in Berlin

Mochte es im Räderwerk der britisch-deutschen Beziehungen zuweilen auch geknirscht haben, gute Gründe, in der Konfrontation nicht zu überziehen und einen Ausgleich anzustreben, gab es allemal. Deutschfreundliche oder englandfreundliche Haltungen dürften dabei weniger von Belang gewesen sein als nüchterne Kalkulation. Für das deutsche Kaiserreich waren das Streben nach Kolonialbesitz und die Flottenrüstung sicher Prestigeobjekte ersten Ranges. Doch gemessen an den Kosten verschlang beides etliches mehr als es einbrachte. Auch in London konnte die Regierung unter Premierminister Asquith, die ein ehrgeiziges Sozialprogramm verfolgte, längst nicht aus dem Vollen schöpfen. Ein offener Waffengang zwischen beiden Mächten machte erst recht keinen Sinn, denn allein auf sich gestellt konnte keiner den anderen binnen kurzem militärisch besiegen. Notwendigkeit und Bereitschaft, mittels Verhandlungen einen Ausgleich zu erzielen, waren also durchaus gegeben. Wie sah es aber aus mit dem, was im Zuge der Haldane Mission in Berlin für diesen Ausgleich angeboten und eingetauscht werden sollte?

Seinen beiden deutschen Gesprächspartner, Reichskanzler Bethmann-Hollweg und Großadmiral Tirpitz, konnte Lord Haldane folgendes offerieren:

  • Ein in einem Flottenabkommen verankertes Kräfteverhältnis an Kriegsschiffs-Einheiten beider Länder im Verhältnis 4:2 zugunsten Großbritanniens und
  • ein begrenztes Neutralitätsabkommen, nach dem Großbritannien bei einem „unprovozierten“ Angriff auf Deutschland neutral bleibt.

Haldane Mission in Berlin – Lieber kein Abkommen als ein schlechtes Abkommen?

Bis 1901 hatte man in Berlin die Illusion gehegt, mit Großbritannien in ein Bündnis treten und so eine Art „Pakt der Giganten“ schmieden zu können. Danach, und erst recht ab 1907, nahm man mehr Kurs darauf, Großbritannien von antideutschen Allianzen zu trennen und für den Fall kriegerischer Auseinandersetzungen eine britische Neutralität zu erwirken. Von daher mochte Haldanes Offerte durchaus deutschen Wünschen entsprochen haben. Aber war es wirklich an dem? Wollte die britische Seite nicht vielmehr, eine definitive Zusage in der Frage der Flottenrüstung gegen ein vages Versprechen in puncto Neutralität eintauschen; Vorteil aus einer misslichen Lage ziehen, ohne die missliche Lage auch nur im Ansatz beseitigen zu wollen? Großadmiral Tirpitz, der oberste deutsche Marinebefehlshaber, sah hier offenbar den Fallstrick. Er zeigte sich kaum geneigt, handfeste Beschränkungen für die Flotte in Kauf zu nehmen und dafür mit nicht mehr als diplomatisch wohlklingenden Worten abgespeist zu werden. Auch Reichskanzler Bethmann-Hollweg wollte eigentlich für Verzicht im Flottenbau „eine ausreichende Bürgschaft für eine freundliche Orientierung der englischen Politik erhalten“. Mit seiner Forderung nach „Neutralität in jedem Fall“ brachte Großadmiral Tirpitz die Gespräche alsbald an einen toten Punkt, denn darüber zu befinden, lag nicht in Lord Haldanes Verhandlungskompetenz. Am 12. Februar 1912 reiste Lord Haldane schließlich unverrichteter Dinge wieder ab. Aber weder in Berlin noch in London schien man über diesen Ausgang sonderlich betrübt zu sein. Immerhin hatte sich einmal mehr bewahrheitet, dass bei mangelnder Kompromissbereitschaft guter Wille allein nicht reicht, um tragfähige Abmachungen zu erreichen.

Haldane Mission in Berlin – was wäre gewesen, wenn …?

Hätte der Abschluss eines Flottenabkommens im Ergebnis der Haldane Mission in Berlin den Ausbruch des Weltkrieges bannen können? Allein auf sich gestellt wohl kaum. Als Abmachung zur Rüstungsbegrenzung hätte es mitnichten einen Stellenwert gehabt, um Bündnisvereinbarungen auszuhebeln, geschweige denn ein Kriegführen unmöglich zu machen. Was wäre aber zu gewinnen gewesen mit einem solchen Flottenabkommen? Vor allem Zeit. Zeit, um mit weiteren Abkommen bestehende Differenzen zu klären und einvernehmliche Lösungen zu besiegeln. Aber bereits 1912 schien man in Kreisen der Herrschenden in den führenden europäischen Mächten zunehmend damit zu liebäugeln, mit einem schnellen kraftvollen Waffengang und einem überwältigenden Sieg auf dem Schlachtfeld deutlich mehr erreichen zu können als mit langwierigen und komplexen Verhandlungen. Und auch Lord Haldane als britischer Kriegsminister spielte hierbei tatkräftig mit. Seine angestrengten Heeresreformen zielten schließlich darauf ab, im Widerstreit mit den „Navalisten“ einen möglichen Krieg gegen Deutschland in neuer Qualität führbar zu machen.

Berlin, den 14. Dezember 2014

Klaus Jaschinski

Bilder:
Beitragsbild: SMS Kaiser paradiert am 1. Januar 1911 vor Kaiser Wilhelm II
Grafik CC von: wikimedia, Quelle: U.S. Defenseimagery.mil photo HD-SN-99-02144 [1], U.S. National Archives photo NARA FILE #: 165-GP-3068, Autor: K. Koch
Bild: HMS Dreadnought.
Grafik CC von: wikimedia, Quelle: US Navy Historical Center Photo # NH 63367
Bild: Lord Richard Burdon Haldane.
Grafik CC von: wikimedia, Quelle: en:Image:Richard Burdon Haldane, 1st Viscount Haldane – Project Gutenberg eText 15306.jpg

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Deutscher Rundfunk und Radio Berlin International

Deutscher Rundfunk und Radio Berlin International

Deutscher Rundfunk und Radio Berlin International: Mit Millöckers Operette „Der Feldprediger“ startete Deutschland am 26. August 1929 um 20.00 Uhr seine Kurzwellenprogramme, um Deutsche und an Deutschland Interessierte in der Ferne zu erreichen. Auslandsrundfunkprogramme gehörten von da an fest zur deutschen Rundfunkarbeit. Im Laufe der Zeit wurden dafür auf deutschem Boden extra Sender ins Leben gerufen. Beim Rundfunk der DDR war Radio Berlin International (RBI) mit dieser Aufgabe betraut. Was sie beinhaltete und wie sie umgesetzt wurde lesen Sie hier:

Deutscher Rundfunk und Radio Berlin International

Funkhaus Nalepastraße – vom anderen Ufer der Spree

Deutscher Rundfunk und Radio Berlin International

Lautlos und unsichtbar kam es daher – das neue technische Wunder in Gestalt elektromagnetischer Wellen, das ohne Drahtverbindungen und Signalstationen auf Sichtweite auskam, um Informationen zu übermitteln. Für eine Weltreise längst des Äquators brauchen die elektromagnetischen Wellen des Radios eine siebentel Sekunde. Der Hörer kann im kleinsten privaten Bereich Teilnehmer des Geschehens werden dank der Kurzwellen, die neue Dimensionen der journalistischen Vermittlung von Wort und Musik, von Politik und Kultur seinerzeit erschlossen haben.

„Wenn ihr den Rundfunk höret, so denkt auch daran, wie die Menschen in den Besitz dieses wunderbaren Werkzeuges der Mitteilung gekommen sind. Der Urquell aller technischen Errungenschaften ist die göttliche Neugier und der Spieltrieb des bastelnden und grübelnden Forschers und nicht minder die konstruktive Phantasie des technischen Erfinders.“ (Zitat von Albert Einstein)

Vom Funk zur Rundfunksendung ging es aber nicht geradewegs. Die erste deutsche Rundfunksendung ging von der Hauptfunkstelle in Königswusterhausen bei Berlin am 22. Dezember 1920 in den Äther. Es war ein Weihnachtskonzert der Postbeamten dieser Funkstelle. Aber erst Jahre später prägten Postbeamte besagter Hauptfunkstelle für den neuen Übertragungsweg von öffentlichen Informationen und Klängen mit Hilfe der elektronischen Wellen den Begriff „Rundfunk“. Als Gründungsdatum des deutschen Rundfunks gilt der 29. Oktober 1923. An jenem Tag gab Staatssekretär Dr. Hans Bredow den Startschuss zur ersten Sendung des Unterhaltungsrundfunks im Vox-Haus am Potsdamer Platz in Berlin.

Deutscher Rundfunk und Radio Berlin International

Was technisch möglich ist, wird politisch genutzt. Die Unabhängigkeit der Funkwellen von territorialen Grenzen und politischen Verhältnissen in ihrem Ausbreitungsgebiet verleiht ihnen eine bedeutende Überlegenheit gegenüber anderen Medien, die für das Ausland wirken, wenn der Empfang für Hörer von Radiosendern technisch klar und zeitlich günstig ist. Aber wie unabhängig die Funkwellen in ihrer Ausbreitung auch gewesen sein mochten, die, die sie mit Inhalten versahen und sendeten, waren es nicht. Für die Staatsgewaltigen taten sich hier neue Möglichkeiten der Einflussnahme auf und noch in seinen Kinderschuhen nahmen sie den Rundfunk unter ihre Fittiche. Welche Blüten das treiben konnte, demonstrierten die Nationalsozialisten auf unheilvolle Weise. Aber auch danach mit dem Aufkommen des Kalten Krieges ging es im Äther zuweilen deftig zu, insbesondere im neuen deutsch-deutschen Verhältnis. Und nicht nur dort. Am 20. Dezember 1948 wurde durch die französische Militärbehörde die Sendeanlage des Berliner Rundfunks gesprengt und so ein mehr als zweimonatiger Sendeausfall verursacht.

Deutscher Rundfunk und Radio Berlin International – Buchvorstellung

Vom Westen politisch-diplomatisch geschnitten und von den Regierenden in Bonn zur bloßen „Zone“ degradiert, hatte es die DDR von Beginn an schwer, sich auf dem internationalen Parkett als eigener Staat mit deutscher Identität darzustellen und zu profilieren. Der Startschuss für den Auslandsrundfunk der DDR fiel aber erst 1955, als mit dem angestrengten Beitritt der Bundesrepublik zur NATO die Zementierung der deutschen Spaltung drohte. Am 15. April 1955 um 18.00 Uhr MEZ eröffnete die DDR ihre fremdsprachigen Sendungen für das Ausland mit einem Programm für Frankreich, das noch bei Radio DDR angesiedelt war und dem Leitsatz folgte, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen möge.
In seinem Buch „Wellen mit tausend Klängen. Geschichten rund um den Erdball in Sendungen des Auslandsrundfunks der DDR Radio Berlin International“, erschienen beim Vistas-Verlag (ISBN 3-89158-372-9), beleuchtet Prof. Dr. Heinz Odermann den Werdegang des Auslandsrundfunks der DDR. Auf 16 Kapitel verteilt wird Wissenswertes geboten unter anderem über

  • das mittels Rundfunk vermittelte Leben in der DDR,
  • die Rekrutierung der neuen Kader für den Rundfunk der DDR
  • die technisch-organisatorische Seite des Sendebetriebs,
  • die Richtlinienkompetenz und
  • das Wirken und den Stellenwert von Hörerklubs in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Selbst jahrelang als Stellvertreter des Chefredakteurs bei RBI für national befreite Länder und Lateinamerika tätig gewesen, lässt der Autor hier natürlich Insiderwissen einfließen und zeichnet ein recht facettenreiches und kritisches Bild mit Blick auf die Medienpolitik und den Auslandsrundfunk der DDR.

Deutscher Rundfunk und Radio Berlin International

Logo von Radio Berlin International

Radio Berlin International – ein Aushängeschild der DDR

Deutscher Rundfunk und Radio Berlin International – gab es etwas, was beides verband? Die Sendeanlagen bei Königswusterhausen und Nauen existierten nach dem Krieg noch, das alte Vox-Haus hingegen nicht mehr. Notgedrungen musste ein neuer Platz für die Redaktionen der Sender her, und das in einer mittlerweile in Sektoren aufgeteilten Stadt. Gefunden wurde er in Oberschöneweide in der Nalepastraße auf dem Gelände einer ehemaligen Sperrholzfabrik. Es dauerte aber bis 1966, bis das neue Funkhaus voll bezugsfähig war und neben Radio Berlin International auch den Deutschlandsender, Radio DDR I und II, den Berliner Rundfunk und DT 64 beherbergen konnte.
Den Sendebetrieb aufgenommen hatte Radio Berlin International nach der Eingliederung des Auslandsdienstes von Radio DDR bereits am 20. Mai 1959. Die ersten Takte der Nationalhymne der DDR „Auferstanden aus Ruinen …“ dienten als Erkennungs- und Pausenzeichen. Weitere Fremdsprachenprogramme waren inzwischen eingerichtet worden, vor allem bedingt durch den Kampf gegen das Kolonialjoch und den Neokolonialismus in vielen Ländern der Dritten Welt, für den sich die DDR sehr engagierte. Zu Ausstrahlungen in Arabisch sowie in Englisch und Französisch für Afrika gesellten sich bald Sendungen in Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Hindi und Suaheli.

Deutscher Rundfunk und Radio Berlin International – mit im Dienst der Außenpolitik

Radio Berlin International kam noch eine besondere außenpolitische Rolle zu, zumal die DDR zu der Mehrzahl der Staaten bis Anfang der 70er Jahre über keine diplomatischen Beziehungen verfügte. Der Sender übernahm zu den allgemeinen journalistischen Aufgaben die Funktion, offizielle Erklärungen der Regierung und inoffizielle Stellungnahmen zu außenpolitischen Belangen zu verbreiten und Verbindungen zu anderen Staaten herzustellen, wobei Regierung und Sender sich darauf stützten, dass die Monitordienste der anderen Staaten wichtige Sendebeiträge ihren Regierungen zuleiteten. Das waren eigentlich Aufgaben, die im allgemeinen diplomatischen Vertretern obliegen. Als Haupthindernis galt hier über Jahre die Bonner Hallstein-Doktrin, die darauf abzielte, die DDR außenpolitisch und außenwirtschaftlich zu marginalisieren.

Deutscher Rundfunk und Radio Berlin International – Fazit

Von 1959 bis zur Deutschen Einheit 1990 sendete Radio Berlin International im Kurzwellenbereich im 19-, 25-, 31- und 48-/49- und 50-Meterband für Nord- und Südamerika, für Afrika, die arabische Welt und Südostasien und auf der Mittelwelle für Europa in 11 Sprachen mit Richtstrahl- und Rundantennen. Journalisten und Journalistinnen aus 29 Nationen arbeiteten einvernehmlich mit ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen gut drei Jahrzehnte zusammen mit dem Vorsatz, etwas gesellschaftlich Nützliches für die internationale Verständigung der Völker zu tun und mit dem Wort an der Seite derer zu stehen, die Zuspruch brauchten, auch wenn die Hilfe, die ein Auslandsrundfunksender zu bieten vermochte, meist nur moralischer Natur sein konnte. Die Hörerinnen und Hörer auf fünf Kontinenten dankten es mit einem ungewöhnlich großem Maß an Zustimmung in ihren Briefen an die Redaktionen.

Am 2. Oktober 1990 um 24.00 Uhr stellte Radio Berlin International den Sendebetrieb endgültig ein und fiel der „Abwicklung“ anheim.

Berlin, den 30.10.2014

Klaus Jaschinski

Bilder:

Beitragsbild: Funkhaus Nalepastraße – vom anderen Ufer der Spree
Grafik CC von: wikimedia, Autor: Andreas Steinhoff
Bild: Logo von Radio Berlin International.
Grafik CC von: wikimedia, Urheber Ericmetro

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Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus

Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus: Salima (Salme) bint Said, eine Prinzessin von Sansibar aus dem Hause des Sultans von Oman, und der Hamburger Kaufmann Heinrich Ruete, deren Liebesbeziehung ins Räderwerk des Kolonialismus geriet und der kolonialen Landnahme Deutschlands in Afrika Vorschub leistete. Mehr darüber lesen Sie hier.

Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus

Sansibar Prinzessin Emily Ruete

Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus in Afrika

Noch bevor Bernhard von Bülow als neuer Staatssekretär des Auswärtigen Amtes im Dezember 1897 ganz im Sinne Kaiser Wilhelm II Deutschlands „Platz an der Sonne“ beschwor und einforderte, hatte die deutsche koloniale Landnahme in Afrika bereits begonnen. Allerdings zunächst in Südwestafrika. Initiator war hier Franz Adolf Eduard Lüderitz gewesen, ein Kaufmann aus Bremen, der seit 1881 Handel an der Westküste Afrikas getrieben hatte und dabei bis nach „Angra Pequeña“ gekommen war; eine „kleine Bucht“, auf die bis dahin noch keine Kolonialmacht Anspruch angemeldet hatte. Die Gunst der Stunde für den deutschen Kolonialismus nutzend, kaufte er im Mai 1883 dem König des dortigen Eingeborenenvolkes die Bucht und das angrenzende Land quasi für einen Spottbetrag ab. Doch ganz so reibungslos ging diese Inbesitznahme für den deutschen Kolonialismus nicht über die Bühne. In London beäugte man das deutsche Treiben mit reichlich Argwohn und ließ prompt mit Hilfe der Royal Navy die Muskeln spielen. Die Reichsregierung in Berlin konterte mit „starken Worten“, ohne die dieser koloniale Vorstoß wohl kläglich gescheitert wäre.

Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus – zwischen Verheißung und Verhängnis

Anders als „Angra Pequeña“ war Sansibar ein ausgewiesener und Gewinn versprechender Handelsplatz. Kein Wunder also, dass es den Hamburger Kaufmann Heinrich Ruete hierhin verschlug. Begehrte Handelsgüter von der Insel an der Ostküste Afrikas waren u.a. Gewürznelken, roter Pfeffer und Elfenbein. Aber auch Sklaven, das „schwarze Elfenbein“, wurden hier gehandelt. Für die führenden Handelsnationen Europas gab es folglich gute Gründe, präsent zu werden und zu bleiben. Eine koloniale Inbesitznahme war aber alles andere als einfach. Zum einen gab es nicht nur einen sondern mehrere Konkurrenten. Zum anderen war die Herrschaft des Sultans dort weitgehend anerkannt und stabil. Allerdings mangelte es am Hofe des Sultans nicht an Intrigen, und Sansibar Prinzessin Salme, des Lesens und Schreibens kundig, kam damit schon früh als 15-jähriges Mädchen in Berührung.

  • Aber wie konnte ein Hamburger Kaufmann überhaupt mit einer Prinzessin am Hofe eines strengen islamischen Herrschers in eine Liebesbeziehung treten?

  • Wie gelang es ihr von der Insel zu fliehen und

  • was verband schließlich Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus?

Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus – Buchvorstellung

Das Buch von Julius Waldschmidt „Kaiser, Kanzler und Prinzessin. Einfrauenschicksal zwischen Orient und Okzident“ (ISBN 3-89626-131-2), erschienen beim Trafo Verlag Berlin, nimmt den Lauf dieser Geschehnisse und das Verhältnis Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus genauer unter die Lupe. Unterteilt in 12 Kapiteln erfährt man u.a.

  • vom Leben auf Sansibar bevor Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus überhaupt in Kontakt kamen,
  • von der deutschen Großen Politik und ihrem kolonialistischen Ausgreifen zu Zeiten Bismarcks,
  • und der kleinen Kanonade deutscher Kriegsschiffe vor dem Sultanspalast.

Im September 1866 verlässt Sansibar Prinzessin Salme heimlich die heimatliche Insel an Bord eines britischen Schiffes in Richtung Aden. Wider Erwarten nahm der Sultan ihre Flucht eher gelassen. Dass sie etwas Derartiges plante, war ihm durch Zuträger sicher nicht verborgen geblieben. Rigoros dagegen vor ging er jedoch nicht. Auch Heinrich Ruete, der zu diesem Zeitpunkt noch auf der Insel weilte, konnte zunächst weiter seinen Geschäften nachgehen und einige Monate später dann seiner künftigen Ehefrau nach Aden folgen. Dort trat sie zum Christentum über und beide heirateten. Aus Sansibar Prinzessin Salima bint Said wurde schlicht Emily Ruete. Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus waren da noch weit entfernt, um in Verbindung zu treten. Unter einem günstigen Stern stand die Ehe der Prinzessin von Sansibar dennoch nicht. Ihr erstes Kind, Heinrich getauft, starb noch in Aden. Nur wenige Jahre später, 1870, ereilte Heinrich Ruete das gleiche Schicksal. Er erlag den Folgen eines Verkehrsunfalls in Hamburg. Emily blieb zurück mit drei kleinen Kindern und ohne Testament. Auch Hamburgs Behörden taten sich schwer mit der ehemaligen Sansibar Prinzessin Salme. Erst 1882, zwölf Jahre nach dem Tod ihres Ehemannes, bekam sie die Urkunde ausgestellt, die sie als Angehörige des Hamburger Staates und so auch als Angehörige des Deutschen Reiches auswies.

Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus – koloniales Geplänkel von Ungleichen

Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus – was brachte beide nun zusammen? Zum einen die Not der ehemaligen Prinzessin von Sansibar im Interesse einer gesicherten Zukunft ihrer Kinder. Zum auf Machtzuwachs gegründete hochgesteckte Ambitionen beim deutschen Kolonialismus. Obwohl Reichskanzler Bismarck dem aufstrebenden deutschen Kolonialismus und seinen Protagonisten eher reserviert gegenüberstand, konnte er sich offenkundig für ein Ostafrika-Sansibar-Abenteuer erwärmen.

„So lange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik. Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann, und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht.“ – Reichskanzler Bismarck 1881 zu dem Reichstagsabgeordneten Graf Frankenberg. gefunden auf Wikiquotes.

Es dauerte aber bis 1885, bis die Konstellation Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus große politische Kreise zu ziehen begann. Für Emily Ruete schien es so, als würde jetzt ihre Beharrlichkeit beim Vorsprechen in deutschen Ämtern endlich Früchte tragen. Hinter den Kulissen hatte man sich Emilys Herkunft erinnert und als einen Trumpf ausgemacht, der gerade bei Thronfolgestreitigkeiten und entsprechenden Abfindungen zum Einsatz gebracht werden konnte. Die anhaltenden machtpolitischen Querelen nach dem Tod von Sultan Sayyid Said bin Sultan, Vater der Sansibar Prinzessin, boten reichlich Gelegenheit, um dem amtierende Sultan Stück um Stück seines Herrschaftsbereiches zu entreißen. Mit offiziellem Wohlwollen der Reichsregierung in Hinterhand bekam Emily sogar Gelegenheit, an Bord eines deutschen Schiffes wieder nach Sansibar zu reisen. Was sie sich in Verbindung damit auch immer ausgemalt haben mochte, zu einem echten Akteur in dem anschließenden kolonialen Kraftakt wurde sie mitnichten.

Im Blickpunkt der deutschen kolonialen Begehrlichkeiten standen nicht die Insel Sansibar und das dortige Sultansregime. Es ging vielmehr um den ostafrikanischen Küstenstreifen nebst Hinterland, der bis dahin zum Herrschaftsbereich des Sultans gehörte und nun deutsches Kolonialgebiet werden sollte. Als das erreicht war, ließ auch das Interesse der offiziellen deutschen Stellen an der Sansibar Prinzessin merklich nach. Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus boten hier nur ein kurzes Intermezzo im Rampenlicht der Großen Politik.

Den Schlusspunkt unter das Kapitel Sansibar Prinzessin und deutscher Kolonialismus wie deutsches koloniales Interesse an Sansibar überhaupt setzte im Sommer 1890 der Sansibar-Helgoland-Vertrag zwischen Deutschland und Großbritannien. Deutschland bekam mit Helgoland seinen „Fels zum Meer“ und Sansibar wurde zum britischen Protektorat degradiert. Deutscher Kolonialismus hielt sich fortan fern von islamischem Herrschaftsgebiet, und die Orientreise Kaiser Wilhelm II 1898 konnte so dann auch ohne derartige koloniale Vorbelastung starten und mit Erfolgen aufwarten.

Emily Ruete verschwand danach gänzlich aus der öffentlichen Wahrnehmung. Sie starb am 29. Februar 1924 im 80. Lebensjahr in Jena. Die Urne der Toten ruht auf dem Ohlsdorfer Friedhof von Hamburg.

Dr. Klaus Jaschinski, Berlin, 25.06.2014

 

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Orientreise Kaiser Wilhelm II

Orientreise Kaiser Wilhelm II: Vor mehr als hundert Jahren brach der deutsche Kaiser Wilhelm II. zu einer ausgedehnten Pilgertour in den Nahen Osten auf, die unter Mitwirkung des Londoner Reisebüros Thomas Cook & Sohn organisiert worden war und 26 Tage dauerte. Hier lesen Sie alles über die Kaiser Reise in den Orient 1898.

Orientreise Kaiser Wilhelm II

Ausritt des Kaiser aus Zeltlager bei Jerusalem

Orientreise Kaiser Wilhelm II

An Bord der kaiserlichen Yacht „Hohenzollern“ ging es zunächst Richtung Bosporus, wo man am 18. Oktober 1898 vor Anker ging, dem Sultan seine Aufwartung machte, ihn mit reichlich Geschenken bedachte und gemeinsam mit ihm an der feierlichen Eröffnung der Bahn-Endstation Haidar Pascha teilnahm. Ein Auftakt nach Maß für die Kaiser Reise in den Orient, der gute Erfolgsaussichten für die weitere Reise verhieß und vorherige Unkenrufe vergessen ließ. Am 29. Oktober 1898 hielten der Kaiser und sein ansehnliches Gefolge mit reichlich Pomp Einzug in Jerusalem. Zwei Tage später wohnte er dort der Einweihung der protestantischen Erlöserkirche bei. Station machte er danach noch in Beirut und am 8. November 1898 in Damaskus, wo er in einer Aufsehen erregenden Rede die Freundschaft der Deutschen mit den Muslimen und dem als Kalifen verehrten osmanischen Sultan beschwor. Zum einen sicher eine höfliche Geste an den Gastgeber, der seiner kaiserlichen Gast aus Deutschland gebührend zu hofieren verstand. Zum anderen dürfte die kaiserliche Bekundung von Damaskus auch ein deutlicher Fingerzeig für die neue, nach Macht und Einfluss im Osmanischen Reich strebende Elite gerade aus den Reihen der Jungtürken gewesen sein, die auf Modernisierung setzte und sich aufgeschlossen für entsprechende Geschäfte zeigte. Dass das alte Sultans-Regime im Grunde abgewirtschaftet hatte, darüber war man sich in Berlin längst im Klaren gewesen. Ursprünglich angedacht war im Rahmen der Orientreise Kaiser Wilhelms II auch ein Besuch Kairos. Allerdings wurde der Abstecher in die ägyptische Metropole noch vor Antritt der Reise aus dem Besuchsprogramm genommen – aus Sicherheitsgründen, wie es hieß. Es war die Zeit anarchistischer Umtriebe, die den Monarchen Europas und ihren Parteigängern sichtlich zu schaffen machte und Angst einflößte. Für die Briten, die Ägypten vollends beherrschen wollten und das aufstrebende deutsche Kaiserreich zunehmend als Konkurrent wahrnahmen, war es folglich ein Leichtes, ein derartiges Szenario zu bemühen, um unerwünschten Besuch fernzuhalten.

Orientreise Kaiser Wilhelm II – Buchvorstellung

Die Kaiser Reise in den Orient fand in den Folgejahren in geschichtlichen Abhandlungen, wenn überhaupt, meist aber nur am Rande Erwähnung und wurde allzu oft und gern auf Mächtegezänk, Säbelrasseln und schnödes Profitstreben reduziert.

  • Aber war es wirklich an dem oder gab es da nicht mehr?
  • Was hatte es eigentlich auf sich mit der deutschen Orientpolitik an Wende zum 20. Jahrhundert. Gab es sie überhaupt als etwas kompaktes Ganzes?
  • Hatte sie gar einen kolonialen Zuschnitt und
  • wer waren ihre Protagonisten und Nutznießer?

In dem vorliegenden Sammelband über die Orientreise Kaiser Wilhelm II aus der Berliner Trafo Verlag „Des Kaisers Reise in den Orient 1898“ (Hrsg. Klaus Jaschinski/Julius Waldschmidt – ISBN 3-89626-257-2) wird im Rahmen von 10 Kapiteln diesen Fragen nachgegangen und die Bandbreite der außen-, wirtschafts- und militärpolitischen Implikationen einschließlich zionistischer Bestrebungen, mit deutscher Hilfe einen eigenen Staat der Juden zu installieren, ausgeleuchtet. Orientreise Kaiser Wilhelm II: Der hier gespannte Bogen der Betrachtungen über die Kaiser Reise nach Jerusalem reicht aber noch weiter. Gegenstand sind hier des weiteren auch

  • „A most favourable impression upon all classes:“ Wilhelm II., Sozialdemokraten, Muslime und Nordamerikaner 1898.
  • Die deutsche Militärmission im Osmanischen Reich und der Kampf des Deutschen Orient-Korps.
  • Die Deutsche Orient-Gesellschaft und ihr Engagement bei der Wiederentdeckung alter Kulturschätze.
  • Die deutschen Mediziner und ihr Beitrag zur Bekämpfung von Tropenkrankheiten im Vorderen Orient sowie
  • Ziele und Folgen der Orientreise Wilhelm II in kirchengeschichtlicher Retrospektive.

Orientreise Kaiser Wilhelm II

Zweifelsohne war die Orientreise Kaiser Wilhelms II. in weiten Teilen des deutschen Protestantismus, wie der in breiten Öffentlichkeit überhaupt, recht populär. Dennoch fehlte es nicht an Kritik. Sie kam unter anderem aus den Reihen der liberalen Theologie, wobei das offizielle deutsche Stillschweigen über die Armenier Pogrome von 1894 bis 1896 gerade hier heftigst Grund bot, Anstoß zu nehmen. Ebenso gegeben sind Bezüge zum Thema Ökumene in recht kritischer Natur. Wilhelm II. war gewiss beeindruckt gewesen, von dem, was er in der Heiligen Stadt Jerusalem zu sehen bekommen hatte. Es drängte sich ihm nach eignen Worten aber auch mit kritischem Blick der Eindruck auf, als würde hier eine Art Wettbewerb oder Wettrennen ausgetragen nach den höchsten Türmen und größten Kirchen – eine Ausstellung von Kirchenmodellen halt. Orientreise Kaiser Wilhelm II: Obwohl Wilhelm II. Ägypten ferngeblieben war, strahlte seine Orientreise auch dorthin merklich Impulse aus. Das mit ihr deutlich bezeugten deutschen Interesse an der Nahost-Region kam gerade der deutschen Ägyptologie sehr gelegen. Mit quasi offiziellem Wohlwollen in Hinterhand ließ sich halt besser auftrumpfen gegenüber Mitbewerbern, besonders wenn es um erfolgversprechende Ausgrabungen ging. Orientreise Kaiser Wilhelm II: In der Tat nahmen die Ausgrabungen danach deutlich zu Im Pyramidenfeld des Ne-user-re bei Abusir wurden zwischen Januar und März 1902 so umfangreiche Funde gemacht, dass insgesamt 17 Sammlungen in Deutschland davon profitieren konnten. Und nicht zu vergessen, die Entdeckung der Nofrete – der großartigste Fund einer bunten Büste, den die deutsche Ägyptologie Jahre später für sich verbuchen konnte.

Orientreise Kaiser Wilhelm II

Das wirtschaftlich größte Projekt, das mit der Orientreise Kaiser Wilhelms II Auftrieb bekam und stets ins Feld geführt wird, wenn es um die Rivalität der Mächte in der Region geht, die geradewegs in den ersten Weltkrieg mündete, war der Bau der Bagdadbahn. Dass der deutsche Bahnbau durchaus extreme Herausforderungen meistern konnte, hatte er schon vor der Orientreise Kaiser Wilhelms II mit dem Bau der Hedschas-Bahn deutlich unter Beweis gestellt. Es lag auch nicht so sehr an der verkehrstechnischen und handelspolitischen Relevanz der Bagdadbahn, an der sich in den Hauptstädten der führenden europäischen Mächte die Gemüter entzündeten. Was dieses gigantische Bauprojekt darüber hinaus vermittelte, war gleichsam die Tatsache, dass den Bestrebungen, das Osmanische Reich aufzuteilen, wie es vor allem vom russischen Zarenreich favorisiert wurde, von deutscher Seite eine klare Absage erteilt worden war. Kaiser Wilhelm II. und das deutsche Kaiserreich agierten hier quasi als imperiale Spielverderber.

„In der auswärtigen Poltik bin Ich entschlossen, Frieden zu halten mit jedermann, so viel an Mir liegt. Meine Liebe zum deutschen Heere und Meine Stellung zu demselben werden Mich niemals in Versuchung führen, dem Lande die Wohlthaten des Friedens zu verkümmern, wenn der Krieg nicht eine durch den Angriff auf das Reich oder dessen Verbündete uns aufgedrungene Notwendigkeit ist. Deutschland bedarf weder neuen Kriegsruhms noch irgend welcher Eroberungen, nachdem es sich die Berechtigung als einige und unabhängige Nation zu bestehen endgültig erkämpft hat.“

– Zitat gefunden bei Wikiquotes über Kaiser Wilhelm II

Klaus Jaschinski, Berlin, den 13. Juni 2014

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