Haldane Mission in Berlin

Haldane Mission in Berlin

Haldane Mission in Berlin: Am 8. Februar 1912 traf der britische Kriegsminister Lord Richard Burdon Haldane in Berlin ein. Seine Visite und der damit verfolgte Zweck waren vorab nicht gerade an die große Glocke gehängt worden. Warum? Immerhin ging um ein bilaterales Flottenabkommen zur Begrenzung der Flottenrüstung vor 1914. Was es damit auf sich hatte und ob sich so eine Chance zur Kriegsverhinderung ergeben hätte, lesen Sie hier:

Haldane Mission in Berlin

Lord Richard Burdon Haldane

Haldane Mission in Berlin

eine erfolglose Friedensmission?

Nicht selten kommen Vorboten des ersten Weltkrieges in Teilen der dieses Thema behandelnden Literatur kaum über die Bedeutung von Fußnoten hinaus. Aber sind es nicht eben diese Vorboten wie in Gestalt der Haldane Mission in Berlin, die den Blick auf die Ursachen des Krieges zu schärfen vermögen? Steuerten beziehungsweise „taumelten“ die Mächte damals wirklich „folgerichtig“ in den Abgrund oder gab es da nicht doch Gelegenheiten, die zum Innehalten und zur Umkehr bewegen konnten?

Der Beitrag von Prof. Dr. Heinz Odermann über die Haldane Mission in Berlin 1912 geht dem nach und beleuchtet das Umfeld, den Verlauf und die Verstrickungen der hier geführten und am Ende doch gescheiterten Verhandlungen. Aufgezeigt werden unter anderem

  • die Ausgangslage zu Beginn der Verhandlungen,
  • die Haltung der beteiligten Protagonisten, ihre Motivation und Verhandlungsführung
  • sowie die Widerstände, die einer einvernehmlichen Lösung entgegenwirkten.

Video zur Haldane Mission in Berlin

Haldane Mission in Berlin versus deutsche „Weltpolitik“

Als neuer Staatssekretär des Auswärtigen Amtes hatte Bernhard von Bülow im Dezember 1897 ganz im Sinne Kaiser Wilhelm II Deutschlands „Platz an der Sonne“ beschworen und damit gleichsam die deutsche „Weltpolitik“ vollmundig an den Start gebracht. Anfangs mochte man dieses Gerede in London vielleicht noch belächelt haben. 15 Jahre später war es damit vorbei. Mittelbar und unmittelbar hatte sich inzwischen einiges getan im bilateralen Verhältnis, das von britischer Seite als ernste Herausforderung wahrgenommen wurde, der man partout entgegen wirken wollte. Konfliktträchtig waren vor allem zwei Bereiche; die koloniale Frage und die Flottenrüstung. Speziell der Burenkrieg und die Marokko-Krise hatten sowohl in London als auch in Berlin nationalistische Eiferer auf den Plan gerufen, die mit Feindbildkreationen nicht hinterm Berg hielten und das Klima in den bilateralen Beziehungen zu beeinträchtigten suchten. Ein Übriges tat die Flottenrüstung. Denn wie hätten sich hochgesteckte koloniale Ziele in Übersee verfolgen lassen ohne schlagkräftige Flotte in Hinterhand? In London war man sich dessen freilich schon lange bewusst und registrierte mit wachsendem Unbehagen, dass man in Berlin dem britischen Vorbild ungestüm nachzueifern begann.

„Unsere [Deutschlands] Zukunft liegt auf dem Wasser.“ (Ausspruch von Kaiser Wilhelm II bei der Eröffnung des Freihafens Stettin am 23. September 1898)

Haldane Mission in Berlin

HMS Dreadnought 1906

Die Dreadnoughts und die Haldane Mission in Berlin

In der Tat hatte sich das deutsche Kaiserreich nach seiner Gründung 1871 eine beeindruckende Flotte zugelegt. Wäre diese aber imstande gewesen, mit der mächtigen Royal Navy gleichzuziehen oder sie gar zu übertrumpfen? Wohl kaum, wenn man das damalige Kräfteverhältnis in absoluten Zahlen zu Grunde legt. Allerdings relativiert sich die erdrückende britische Überlegenheit auf See, wenn qualitative Aspekte und Neuerungen mit ins Feld geführt werden. Seinerzeit bezeichnend dafür waren die Dreadnoughts – eine neue Generation schwerer Überwasserkampfschiffe, mit denen zuerst die Royal Navy aufwartete, um ihre Überlegenheit auf den Weltmeeren zu festigen. Doch der damit erhoffte Vorteil schmolz rasch dahin. Offenbar schneller als erwartet zogen die deutschen Marinewerften bei der Entwicklung und Produktion derartiger Überwasserkampfschiffe nach. 1914 standen 24 britischen Dreadnoughts bereits 14 deutsche Dreadnoughts (plus 3 ab November 1914) gegenüber, während die Royal Navy bei anderen Schiffen über eine 2,5-fache Überlegenheit verfügte.

Gute Gründe und Illusionen bei der Haldane Mission in Berlin

Mochte es im Räderwerk der britisch-deutschen Beziehungen zuweilen auch geknirscht haben, gute Gründe, in der Konfrontation nicht zu überziehen und einen Ausgleich anzustreben, gab es allemal. Deutschfreundliche oder englandfreundliche Haltungen dürften dabei weniger von Belang gewesen sein als nüchterne Kalkulation. Für das deutsche Kaiserreich waren das Streben nach Kolonialbesitz und die Flottenrüstung sicher Prestigeobjekte ersten Ranges. Doch gemessen an den Kosten verschlang beides etliches mehr als es einbrachte. Auch in London konnte die Regierung unter Premierminister Asquith, die ein ehrgeiziges Sozialprogramm verfolgte, längst nicht aus dem Vollen schöpfen. Ein offener Waffengang zwischen beiden Mächten machte erst recht keinen Sinn, denn allein auf sich gestellt konnte keiner den anderen binnen kurzem militärisch besiegen. Notwendigkeit und Bereitschaft, mittels Verhandlungen einen Ausgleich zu erzielen, waren also durchaus gegeben. Wie sah es aber aus mit dem, was im Zuge der Haldane Mission in Berlin für diesen Ausgleich angeboten und eingetauscht werden sollte?

Seinen beiden deutschen Gesprächspartner, Reichskanzler Bethmann-Hollweg und Großadmiral Tirpitz, konnte Lord Haldane folgendes offerieren:

  • Ein in einem Flottenabkommen verankertes Kräfteverhältnis an Kriegsschiffs-Einheiten beider Länder im Verhältnis 4:2 zugunsten Großbritanniens und
  • ein begrenztes Neutralitätsabkommen, nach dem Großbritannien bei einem „unprovozierten“ Angriff auf Deutschland neutral bleibt.

Haldane Mission in Berlin – Lieber kein Abkommen als ein schlechtes Abkommen?

Bis 1901 hatte man in Berlin die Illusion gehegt, mit Großbritannien in ein Bündnis treten und so eine Art „Pakt der Giganten“ schmieden zu können. Danach, und erst recht ab 1907, nahm man mehr Kurs darauf, Großbritannien von antideutschen Allianzen zu trennen und für den Fall kriegerischer Auseinandersetzungen eine britische Neutralität zu erwirken. Von daher mochte Haldanes Offerte durchaus deutschen Wünschen entsprochen haben. Aber war es wirklich an dem? Wollte die britische Seite nicht vielmehr, eine definitive Zusage in der Frage der Flottenrüstung gegen ein vages Versprechen in puncto Neutralität eintauschen; Vorteil aus einer misslichen Lage ziehen, ohne die missliche Lage auch nur im Ansatz beseitigen zu wollen? Großadmiral Tirpitz, der oberste deutsche Marinebefehlshaber, sah hier offenbar den Fallstrick. Er zeigte sich kaum geneigt, handfeste Beschränkungen für die Flotte in Kauf zu nehmen und dafür mit nicht mehr als diplomatisch wohlklingenden Worten abgespeist zu werden. Auch Reichskanzler Bethmann-Hollweg wollte eigentlich für Verzicht im Flottenbau „eine ausreichende Bürgschaft für eine freundliche Orientierung der englischen Politik erhalten“. Mit seiner Forderung nach „Neutralität in jedem Fall“ brachte Großadmiral Tirpitz die Gespräche alsbald an einen toten Punkt, denn darüber zu befinden, lag nicht in Lord Haldanes Verhandlungskompetenz. Am 12. Februar 1912 reiste Lord Haldane schließlich unverrichteter Dinge wieder ab. Aber weder in Berlin noch in London schien man über diesen Ausgang sonderlich betrübt zu sein. Immerhin hatte sich einmal mehr bewahrheitet, dass bei mangelnder Kompromissbereitschaft guter Wille allein nicht reicht, um tragfähige Abmachungen zu erreichen.

Haldane Mission in Berlin – was wäre gewesen, wenn …?

Hätte der Abschluss eines Flottenabkommens im Ergebnis der Haldane Mission in Berlin den Ausbruch des Weltkrieges bannen können? Allein auf sich gestellt wohl kaum. Als Abmachung zur Rüstungsbegrenzung hätte es mitnichten einen Stellenwert gehabt, um Bündnisvereinbarungen auszuhebeln, geschweige denn ein Kriegführen unmöglich zu machen. Was wäre aber zu gewinnen gewesen mit einem solchen Flottenabkommen? Vor allem Zeit. Zeit, um mit weiteren Abkommen bestehende Differenzen zu klären und einvernehmliche Lösungen zu besiegeln. Aber bereits 1912 schien man in Kreisen der Herrschenden in den führenden europäischen Mächten zunehmend damit zu liebäugeln, mit einem schnellen kraftvollen Waffengang und einem überwältigenden Sieg auf dem Schlachtfeld deutlich mehr erreichen zu können als mit langwierigen und komplexen Verhandlungen. Und auch Lord Haldane als britischer Kriegsminister spielte hierbei tatkräftig mit. Seine angestrengten Heeresreformen zielten schließlich darauf ab, im Widerstreit mit den „Navalisten“ einen möglichen Krieg gegen Deutschland in neuer Qualität führbar zu machen.

Berlin, den 14. Dezember 2014

Klaus Jaschinski

Bilder:
Beitragsbild: SMS Kaiser paradiert am 1. Januar 1911 vor Kaiser Wilhelm II
Grafik CC von: wikimedia, Quelle: U.S. Defenseimagery.mil photo HD-SN-99-02144 [1], U.S. National Archives photo NARA FILE #: 165-GP-3068, Autor: K. Koch
Bild: HMS Dreadnought.
Grafik CC von: wikimedia, Quelle: US Navy Historical Center Photo # NH 63367
Bild: Lord Richard Burdon Haldane.
Grafik CC von: wikimedia, Quelle: en:Image:Richard Burdon Haldane, 1st Viscount Haldane – Project Gutenberg eText 15306.jpg

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