Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern - Vierbund auf zeitgenössischer Postkarte

Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern

Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern: Seit Bekanntwerden der ungeheuerlichen Verbrechen an der armenischen Minderheit im Osmanischen Reich während des ersten Weltkrieges mangelt es nicht an Darstellungen von politischen und militärischen Vorgängen, die eine aktive deutsche Beteiligung, wenn nicht gar Federführung, am Genozid an den Armeniern in jener Zeit belegen sollen. Ein exemplarisches Beispiel hierfür liefert die Wolffskeel-Legende. Mittels fragwürdiger und auf Sensationshascherei gerichteter Auslegungen von diplomatischen Texten und Briefen gestrickt geistert sie durch Spalten von Zeitungen und Buchseiten, Mal um Mal mit „Ausschmückungen“ bereichert. Mehr darüber erfahren Sie hier.

Die Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern – Worum geht es?

Die Entsendung deutscher Militärberater ins Osmanische Reich war an sich nichts Ungewöhnliches. Für eine neue Qualität sorgte erst die Schlappe des osmanischen Heeres in den Balkankriegen. Am 22. Mai 1913 kam das offizielle Ersuchen aus Istanbul um Entsendung eines deutschen Generals zwecks Reorganisation der Streitkräfte, das den Startschuss zu einer neuen Militärmission gab, deren Leitung im Monat darauf General Liman von Sanders übertragen wurde.

Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern

General Otto Liman von Sanders

Den ursprünglich rund 40 vorgesehenen Instruktionsoffizieren folgten sehr schnell mehr, vor allem nachdem am 2. August 1914 abgeschlossenen geheimen Allianzvertrag und dem gut drei Monate später folgenden Kriegseintritt des Osmanischen Reiches auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg. Bis Anfang 1916 sollen sich zirka 200 Offiziere im Dienst dieser Militärmission befunden haben, die rasch zu einer großen deutschen Etappenbehörde auf osmanischem Staatsgebiet aufstieg, zu der sich dazu noch detachierte Truppenteile mit Offizieren und Mannschaften für den Fronteinsatz gesellten. Schätzungen zufolge hätten zwischen 18000 bis 25000 Deutsche im Osmanischen Reich bis Kriegsende Militärdienst geleistet.
Einer von ihnen war Major Eberhard Graf Wolffskeel zu Reichenberg und Uettingen (17. August 1875 – 26. Dezember 1954), der als Adjutant des osmanischen Generals Fakhri fungierte und mit in den Sog der vom Jungtürken-Regime in Istanbul losgetretenen Armenierverfolgung geriet, die mit dem am 27. Mai 1915 beschlossene Tehcir-Gesetz (Gesetz bezüglich der Maßnahmen des Militärs bei Widersachern gegen die Regierungsgewalt in Kriegszeiten) voll in Gang kam und zum Massenmord ausuferte.

Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern

Das berüchtigte Tehcir-Gesetz

Die Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern – Aktenlage und Dichtkunst

Wie kam beides nun zusammen – Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern? Diversen Darstellungen zufolge hätte besagter Major Wolffskeel diesem Drama nicht nur beigewohnt. Aktiv mitgewirkt haben soll er an den verübten Gräueltaten, die vor allem auf das Konto des damaligen Innenministers Talaat, der von ihm dirigierten Gendarmerie und eines eigens dazu aufgehetzten Mobs gingen. In seinem Beitrag „Die Wolffskeel-Legende, der Genozid an den Armeniern, Wahrheit gegen Unwahrheit“ geht Professor Dr. Heinz Odermann dem nach und analysiert die gegen Major Wolffskeel und andere deutsche Offiziere diesbezüglich vorgebrachten Vorwürfe, die eine aktive deutsche Mittäterschaft vor Ort belegen sollen.
Wolfgang Gust in seinem Buch „Der Völkermord an den Armeniern“ (Springe 2005) und einige andere Autoren bezichtigen Major Wolffskeel unter anderem

  • das armenische Viertel in der Stadt Urfa (nahe der heutigen Grenze zu Syrien) „mit seiner Artillerie zusammengeschossen“ und
  • den armenischen Widerstand im Kloster Zeitun und auf dem Musa Dagh (dem Mosesberg) „mit seiner Artillerie“ gebrochen zu haben.

Prof. Odermanns Recherchen lassen daran aber erhebliche Zweifel aufkommen. Weder die Aktenlage noch Berichte von Zeitzeugen, unter anderem von Dr. Jakob Künzler, der als Schweizer Diakon und Arzt das christliche Missionshospital in Urfa von 1899 bis 1922 leitete, liefern hinreichend Anhaltspunkte für derartige Folgerungen. Aber offensichtlich wurde das, was die Aktenlage eben nicht hergibt, mit reichlich „Dichtkunst“ aufgefüllt, um hier gleichsam exemplarisch via Legende einen Deutschen mit Blut an den Händen zu präsentieren.

 

 

Die Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern – neue Haupttäter?

In den Genuss solcher Kunstgriffe kamen freilich noch weitere deutsche Offiziere, die hier auf „soldatischen Abwegen“ gewandelt wären und gar Schlimmes zu verantworten hätten:

  • Oberstleutnant Böttrich, ab 1915 für das osmanische Heeres-Eisenbahnwesen zuständig, hätte „Deportationsbefehle“ unterzeichnet und damit Todesurteile für die armenischen Angestellten der Bagdadbahn verhängt.
  • Feldmarschall Otto Liman von Sanders (17. Februar 1855 – 29. August 1919) soll als Chef der deutschen Militärmission im Osmanischen Reich und als Befehlshaber der Verteidigungslinie Gallipoli-Adrianopel-Smyrna die Vertreibung und Ermordung von Armeniern sogar befohlen haben.
  • Feldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz (12. August 1843 – 19. April 1916), der im Oktober 1915 zum Befehlshaber der 6. Armee in Mesopotamien aufrückte und im Ruf stand, „Vater des türkischen Heeres“ zu sein, hätte überhaupt gar die Deportation der Armenier angeregt.

Verfahren wurde hier offenkundig nach altbewährtem Klischee, von dem schon Plutarch aus antiken Zeiten zu berichten wusste: „Semper aliquid haeret.“ (zu deutsch: „Es bleibt immer etwas hängen.“). Für manche Autoren und Politiker ist das heutzutage ein wahrer Tummelplatz; gleichsam von Leichenbergen herab den eigenen Profilierungsgelüsten zu frönen und nach außen hin den „Gutmenschen“ geben – egal, ob die aufgestellten Behauptungen nun im Einzelnen stimmen oder nicht. Sollen andere doch das Gegenteil beweisen.

Die Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern – Verbrechen und Interessenlagen

Als Verbündeter war das Osmanische Reich für die Strategen in Berlin gewiss nicht erste Wahl gewesen. So nahmen sie halt, was sie bekommen konnte, vor allem nachdem der modifizierte Schlieffenplan als gescheitert angesehen werden musste. Die Eröffnung neuer Fronten und die zunehmende Brutalisierung der Kriegsführung mittels Luft-, U-Boot- und Gaskrieg brachten den erhofften schnellen Sieg jedoch kein Stück näher. Im Gegenteil.
Für welchen Krieg das Osmanische Reich auch gerüstet gewesen sein mochte, für einen gegen Großbritannien und Rußland mitnichten. Abgesehen von den reichlich überzogenen imperialen Gelüsten beim Jungtürken-Regime in Istanbul gab es da noch den Dschihad, mit dem man in Berlin glaubte, kriegswirksam punkten zu können und der dann auch am 19. November 1914 mit reichlich Pomp zelebriert wurde.

Die Wolffskeel-Legende und der Völkermord an Armeniern – eine Kehrseite des Dschihads?

Den Mangel an Ausrüstung und Ausbildung mit gesteigertem Fanatismus wettmachen zu können, mochte verlockend erschienen sein. Allerdings hatte man in Berlin im Vorfeld des Krieges über Geheimdienstkanäle bereits eruiert, dass ein derart geschürter Fanatismus auch gegen ethnische und religiöse Minderheiten im Osmanische Reich gekehrt werden könnte. Die deutschen Kriegsplaner nahmen es schlicht in Kauf, erst recht, nachdem ihr anfängliches Kalkül in Rauch aufgegangen war und ein Ausscheiden des Osmanischen Reiches einen verhängnisvollen Dominoeffekt befürchten ließ. Angesichts dessen war man im Auswärtigen Amt in Berlin und bei der Obersten Heeresleitung mehr darauf fixiert, das Jungtürken-Regime bei der Stange zu halten anstatt es mit einem entschiedenen Machtwort womöglich zu verprellen. Folglich hielt man mehr auf Abstand zum Geschehen, bei dem es sich nach damaliger offizieller Lesart ohnehin um Feindeinwirkung gehandelt hätte; um mit britischem und russischem Dazutun entfachten lokalen Armenier-Aufruhr.
Den deutschen Kommandeuren vor Ort waren dadurch allerdings mitnichten die Hände gebunden.
Ein Wegsehen oder gar Mitmachen auf Gedeih und Verderb war keineswegs vorgegeben. Auch wenn einige es getan haben mochten, andere taten es nicht, wie Professor Odermann in seinem Beitrag darlegt.

 

Berlin, den 31. Oktober 2015

Klaus Jaschinski

Bilder:
Beitragsbild: Postkarte aus der Zeit des ersten Weltkrieges (Vereinte Kräfte führen zum Ziel)
Grafik CC von: wikimedia, Autor: Publ. Photochemie Berlin No. 3603
Bild: General Otto Liman von Sanders
Grafik CC von: wikimedia, Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-R02991 / Unknown / CC-BY-SA 3.0
Bild: Tehcir Gesetz
Grafik CC von: wikimedia, Quelle: Image:Ottoman-Tehcir_Law.jpg

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